Besuch in Gyöngyöspata

28/06/2011 11:48 0 Kommentar

Gemeinsam mit Jugendlichen aus vier verschiedenen Ländern war der Verein Roma Center Göttingen e.V. im Ungarischen Dorf Gyöngyöspata um mit den Dort lebenden Roma zu sprechen und einen eigenen Eindruck von der Situation vor Ort zu bekommen.

Das Dorf mit ca. 2500 Einwohnern, von denen etwa 400 Roma sind, war im Frühjahr 2011 Schauplatz von Aufmärschen von militanten, nationalistischen Bürgerwehren. Die direkt im Bezirk der Roma durchgeführten Kampfübungen zielten auf die Einschüchterung und Provokation der Roma ab. Die ganze Situation drohte zu eskalieren. Roma fürchteten sich vor Attacken, so dass Frauen und Kinder mit Hilfe des Roten Kreuzes evakuiert werden mussten.

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Besuch von alle bleiben! in Gyöngyöspata

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Die Bewohner der Romasiedlung sind misstrauisch geworden gegenüber Fremden nach den letzten Ereignissen und Medienrummel. Gemeinsame Spiele brechen das Eis.

Die Zeitungen berichteten auch in Deutschland über die Ereignisse in Gyöngyöspata. Erklärt wurden hier die Aufmärsche mit einem Hilferuf des Bürgermeisters des Dorfes aufgrund der hohen „Roma-Kriminalität“.

Aus der Evakuierung wurde nach aussage der Ungarischen Regierung ein „Osterausflug“ den für die mittellosen Roma vom Roten Kreuz organisiert worden sein soll und schon lange geplant gewesen sei.

Einem Leser ohne Hintergrundwissen entsteht so leicht der Eindruck, die Roma seien herausragend kriminell und verbreiteten Lügen und Übertreibungen um dadurch Vorteile für sich zu erlangen.

Gyöngyöspata liegt etwa 2 Stunden von Budapest entfernt. Im Dorf fällt uns die ungewöhnlich hohe Polizeipräsenz auf. Am Dorfrand liegt die Romasiedlung. Die Straße wird die letzten hundert Meter steil und holperig die Häuser sind hier meist unverputzt und leicht verfallen. Hinter den Häusern fließe ein Fluss. vor einigen Jahren hatte der Fluss Hochwasser und drei der Romahäuser wurden hierbei zerstört. Man sagt uns der Versuch der betroffenen Roma neue Häuser im Dorfkern, außerhalb ihrer Romasidlung und sicher vor Überschwemmungen, zu kaufen löste bei einigen rassistisch eingestellten Dorfbewohnern Unmut aus und habe einen älteren Mann in den Selbstmord getrieben, der fürchtete sein Nachbarhaus würde bald von einer Romafamilie bewohnt werden. Diese Vorstellung sei für diesen Mann zu viel gewesen und sein Tot sei der ursprüngliche Grund für die Zuspitzung der Spannungen im Dorf.

Nach gemeinsamen Spielen mit den Kindern und Gesprächen mit verschiedenen Dorfbewohnern konnten wir ein längeres Interview mit dem Roma-Sprecher des Dorfes führen Er erklärt uns die vergangenen Geschehnisse aus seiner Sicht.

 

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Der Romasprecher (mitte) mit unserem Kamerateam und Jugendlichen vor seinem Haus.

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Im Hintergrund das Feld, das für die Militär- Übungengenutzt werden sollte.

Das Land unmittelbar hinter der Romasiedlung wurde von der Gruppe Szebb Jövoért Polgáror Egyesület, einer Nachfolgeorganisation der mittlerweile verbotenen, der rechtsextremen Jobbik-Partei nahestehenden, Magyar Gárda, gekauft um dort militärische Übungen durchzuführen. Darüber hinaus kesselten sie die Romasiedlung ein und verfolgten jeden Schritt, den ein Roma im Dorf machte, begleitet von Beschimpfungen und Drohungen. Ein 14-Jähriger Junge, der sich dies nicht gefallen lassen wollte wurde von mehreren Anhängern der militanten Truppe brutal zusammengeschlagen und musste daraufhin im Krankenhaus eine lange Narbe in seinem Gesicht nähen lassen (Right-Wing Militants on Patrol). Im Schutz der Dunkelheit veranstalten mehr als 1000 Milizionäre Fackelmärsche. Sie sind schwer bewaffnet und provozieren die in ihren Häusern verschanzten Roma mit Steinwürfen und Beschimpfungen. „Kommt raus ihr Zigeunerschweine, damit wir euch abschlachten können!“ rufen sie und schwingen ihre Peitschen, Knüppel und Messer. Einige haben, so sagt man uns, sogar Schusswaffen bei sich getragen. Es blieb „Gott sei Dank!“ bei diesen Einschüchterungen. Das verspätete Anrücken der Polizei verhindert schlimmeres (Rechtsextremisten in Ungarn)

 

Die Polizei bleibt von nun an im Dorf präsent, allerdings hört dafür der Spuk noch lange nicht auf! Die Polizei zeigte sich als mit der Miliz solidarisch und lies sie weiterhin in vielen Fällen unbehelligt gewähren. Als Roma sich nach massiven Bedrohungen verteidigen greift die Polizei beherzt ein, nimmt allerdings die Roma fest und wirft sie ins Gefängnis. Die Provokantere kommen ungeschoren davon oder werden gar von der eigenen Seite als Helden gefeiert (Neonazi-Führer in Ungarn zu Bewährung verurteilt Roma-Frau muss ins Gefängnis)

Erst als nach Beschwerden der Roma die komplette Polizeibesatzung vor Ort ausgetauscht wurde, kehrt so etwas wie Ruhe und Sicherheit zurück in das Dorf. Aber die Angst bleibt! Wie soll es weitergehen? Was geschieht, wenn die Polizei irgendwann wieder abzieht? Wie wird sich die Situation nach den nächsten Wahlen entwickeln?

Die Angst ist Berechtigt! Attentate auf Roma häufen sich in Ungarn. Es gab schon viele Tote, darunter auch Frauen und kleine Kinder

 

Und: Gyöngyöspata ist kein Einzelfall! In vielen Dörfern im besonders armen Nordosten Ungarns gab es ähnliche Vorfälle.

In den Nächsten Tagen soll es in Gyöngyöspata Wahlen geben. Die Roma des Dorfes sehen diesem Tag mit Spannung und Furcht entgegen. Sollte der Kandidat der rechtsextremen Partei gewinnen befürchten sie dramatische Verschlimmerngen ihrer Situation. Die Chancen für den Kandidaten stehen nicht schlecht … rechtsextreme Propaganda kommt in weiten teilen der durch Armut und Arbeitslosigkeit bedrückten ungarischen mehrheitsbefölkerung gut an.

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