Einige Begegnungen mit Abgeschobenen

28/06/2010 19:25 0 Kommentar

Einige Begegnungen mit Abgeschobenen – Ankunft des Abschiebefluges am 22. Juni 2010 in Pristina

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(Eliza Petkova) 22. Juni 2010, es ist Nachmittag und der Flughafen in Pristina ist fast leer. Man sieht einzelne KFOR Soldaten mit Gewehren auf dem Rücken und Sonnenbrillen. Wir warten seit 4 Stunden auf den Abschiebefl ug aus Deutschland, womit 21 abgeschobene Roma ankommen sollten. Es fällt nicht schwer zu erkennen, wer noch auch auf diesen Flug wartet. Fünf bis sechs Roma stehen auch seit mehreren Stunden am Flughafen und schauen ab und zu besorgt auf ihre Handy-Uhr. Ich gehe zu ihnen und frage sie, ob sie zufällig auch nicht jemand aus Deutschland erwarten. Es ist keine selbstverständliche Frage, denn dieser Flug ist nicht auf der Ankunftsanzeige eingeblendet. Es ist ein Phantom-Flugzeug, in dem Menschen sitzen, die in der Nacht aus ihrer Heimat verjagt worden sind. Ein Mann mit Schnurrbart antwortet mir auf Deutsch: „Ja, ich erwarte jemanden aus Deutschland.“ „Sie sprechen Deutsch?“ „Ich habe 9 Jahre dort gelebt und bin vor einem Jahr abgeschoben worden…“ Er erzählt mir, dass er auf einen entfernten Cousin wartet, dem er nie in seinem Leben begegnet ist. Er ist in Deutschland geboren und aufgewachsen und jetzt ist er mit 21 Jahren nach Kosovo abgeschoben worden, während seine ganze Familie in Deutschland blieb. „Nehmen Sie ihren Cousin bei sich auf?“ „Nein, ich kann nicht. Ich habe selber keinen Platz – ein Zimmer für meine Frau und vier Kinder… Ich hole ihn nur ab… Warum macht Deutschland so was?“ „Ich bin keine Deutsche.“ – sage ich trocken und versuche mein schlechtes Gewissen damit abzuwischen.

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Die Glastüren öffnen sich und aus ihnen sprühen verzweifelte, verwirrte und wütende Menschen mit Wägen voller Plastiktaschen und ein paar Kindern auf der Seite. Ein abgeschobener Rom schreit in die Kamera: „Das ist unter der Menschenwürde!“ Seine Frau trägt ein drei bis vier Monate altes Baby und fügt dazu: „Schau, was sie mit uns gemacht haben! Mitten in der Nacht, wir hatten 15 Minuten Zeit zu packen. 15 Minuten!“ Hinter der Frau schieb ihre Tochter noch einen Wagen voller „Abschiebekoffer“: „Ich war die beste in meiner Klasse, warum haben sie das mit uns gemacht?!“ Sie kriegt keine Antwort zu hören. Stattdessen werden die Koffer schnell in ein Auto gepackt. Mitarbeiter von URA werden die Familie ins Hotel Aviano bringen, wo sie bis zur eine Woche bleiben dürfen, bevor sie auf der Straße landen. Zwei kleinere Kinder der Familie schauen verwirrt zu, sie haben noch nicht realisiert, welche Auswirkung diese Aktion für ihr Leben haben wird. Der Minibus fährt los.

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Am Flughafen ist es dunkel geworden. Der Reinigungsdienst hat bereits alles aufgeräumt. Es gibt keine Flüge mehr, die am heutigen Tag stattfi nden. Eine trostlose Leere in der sich ein Wagen voller Koffer befi ndet und daneben ein Kinderfahrrad. Eine andere Familie, mit Baby und zwei Kindern steht seit 2 Stunden am Flughafen und weiß nicht wohin. Sie sprechen mit keinem, auch mit uns nicht. Sie haben Angst. Am nächsten Tag beeilen wir uns die Familie im Hotel Aviano zu besuchen und detailliertere Interviews mit ihnen aufzunehmen. Der Hotelbesitzer erklärt uns, dass die Familie mitten in der Nacht aus dem Hotel gefl üchtet ist, dass sie sogar größtenteils ihre Sachen im Hotelzimmer liegen gelassen haben. Das gleiche bestätigte uns auch URA, die sich heute Morgen mit der Familie treffen wollten. Es erdrückt mich die Frage: wie verzweifelt muss diese 6-köpfi ge Familie sein, um mit leeren Händen, mitten in der Nacht in einem fremden Land auf die Straße zu fl iehen?

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Valon ist seit drei Monaten in Gjakova. Er spricht kein Albanisch und lebt in einer Roma –Mahala. Er ist folgendermaßen aus Deutschland abgeschoben worden: Valon ist ins Ausländeramt gegangen, um seine Duldung zu verlängern. Es wurde ihm gesagt, dass er endlich den Aufenthalt bekommt und er für diese Zwecke in das Zimmer nebenan gehen solle. Sobald er das Zimmer voller Freude über die schöne Nachricht betrat, umkreisten ihn etwa 10 Polizisten mit Pfefferspray in der Hand. Statt Aufenthalt, bekam er Handschellen und wurde für 9 Tage in den Abschiebeknast gesperrt. Er durfte keinen Kontakt zu seiner Familie aufnehmen. Er wurde alleine nach Kosovo abgeschoben und seine Geschwister und Eltern blieben in Deutschland. Valon ist Tanzlehrer in NRW gewesen, wo er zusammen mit seinem Bruder Tanzunterricht gab und öffentliche Performances veranstaltete. Jetzt ist er in Gjakova und arbeitet in dem Laden seines Onkels für 50 ¬ im Monat, 14 Stunden am Tag. Zum Essen bekommt er häufi g etwas von seinem Cousin Jasuf, dessen Familie bereits von Valons Bedürftigkeit angenervt ist. „Ich kann ihm nicht mehr zusehen, jeden Tag weint er für seine Familie, weint für Deutschland“, sagt Valons Cousin. In Gjakova hat er kein Badezimmer, keine richtige Toilette, er muss erst am Feuer Wasser warm machen und sich dann im Zimmer mit einem Becher den Körper waschen. Valon schaut zu Boden, peinlich berührt, als ob er an seinem Zustand selber schuld sei.

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Es hat 40 Grad im Schatten, kaum auszuhalten. Wir besuchen ein kleines Dorf in der Nähe von Gjakova. Zuerst kommen wir an abgebrannten Häusern vorbei, in denen früher Roma gelebt haben, dann an einer Müllhalde, wo Kinder Metalldosen sammeln. Sie haben nichts kindliches mehr in ihrer Ausstrahlung und interessieren sich noch nicht einmal für unsere Kamera. Sie sammeln weiterhin Müll und runzeln die Stirn unter der brennenden Sonne. Wir landen bei Susana, deren Familie vor zwei Jahren gezwungen wurde Deutschland „freiwillig“ zu verlassen. Susana war zu dem Zeitpunkt noch minderjährig und durfte nicht für sich selber entscheiden. Sie wollte gerade mit der Berufsschule anfangen, als sie an diesem trostlosen Ort im Kosovo ankam. Sie zeigt mir die Küchenfenster: „Schau mal, letzte Woche haben sie hier Steine reingeworfen. Ich traue mich nicht auf die Straße zu gehen, denn da werde ich auch mit Steinen beworfen und als Zigeunerin beschimpft.“ Susanna geht nicht zur Schule, stattdessen kümmert sie sich um ihr Baby, das Folge einer Vergewaltigung ist. Jetzt ist sie 17 Jahre alt und vor einem Jahr wurde sie auf einer Brücke von hinten überfallen und von mehreren Männern vergewaltigt. Ihr Traum ist zurück nach Deutschland zu kehren, dennoch hat die Familie noch nicht einmal genug Geld, um regelmäßige Mahlzeiten einzuhalten.

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Sutije und Ismet sind vor 6 Monaten zusammen mit ihren 5 Kindern, die alle in Deutschland geboren wurden, abgeschoben worden. Sutije war schwanger in der 9. Woche. Sehr bald wird sie ihr Baby bekommen, aber seit dem sie in Kosovo ist, war sie noch nicht beim Arzt. Keines der Kinder geht zur Schule, da sie einerseits die Sprache nicht beherrschen und sich andererseits fürchten. Diese Furcht ist nicht unberechtigt, denn selbst wir haben mitbekommen, wie ein Romakind mitten auf der Straße von einigen Schülern geschubst und getreten wurde.

„Schau mal!“ – Sutije zeigt uns ihren Kühlschrank, darin ist eine halbe Paprika und ein angebrochener Joghurtbecher. „Glaubst du, es gibt eine Chance, dass wir nach Deutschland zurückkommen?“ Ich will ihre Hoffnung nicht zerstören und antworte beschämt: „ Ich weiß es nicht.“

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