Interviews mit Abgeschobenen im Kosovo

06/09/2011 15:26 0 Kommentar

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Morana Mita, Landovica
(Interview vom 6. September 11)

Bericht und Interviews als PDF Heft

Marona Mita lebte 12 Jahre geduldet in Stuttgart, wo er regelmäßig alle drei Monate seine Duldung verlängern lassen musste. Seine Kindheit musste er In Flüchtlingswohnheimen, gelegentlich bei Verwandten manchmal aber auch auf der Straße verbringen. Wegen der Duldung wurde er nie zur Schule angemeldet und lernte weder lesen noch schreiben. Am 18. August 2011 wurde er dann nachdem man ihn vorher für 10 Wochen in Abschiebehaft gesteckt hatte mit einer Sammelabschiebung abgeschoben, wobei einige Teile seines Gepäckes, darunter ein wertvolles Mobiltelefon „verloren“ gingen.

CaptureNach seiner Ankunft in Priština suchte er vergebens nach jemanden, der ihn in Empfang nehmen würde oder zumindest mit wichtigen Informationen versorgt. Er wusste nicht wohin er gehen sollte. Jetzt wohnt er im Haus einer Tante, wobei dieses Haus eher einem Stall gleicht. Es gibt keine dichten Fenster, Das Dach ist undicht und einzig in einem der zwei Räume sollen feuchte Teppiche vor der Kälte des Bodens schützen. Außer ein paar alten Decken gibt es nichts weiter. Hier schläft Morona, seine Großmutter und seinem Bruder, der 35 Jahre alt ist und schwer behindert, so dass er weder sprechen noch laufen kann.

Im Haus nebenan leben der Vater, Schwester und Bruder und deren Familien, insgesamt 14 Personen. Morona wäre lieber dort untergekommen, weil dieses Haus besitzt eine Küche und ist in einem etwas besseren Zustand, als das andere, wobei es auch hier schimmlig und feucht ist und es rein regnent, aber dort gibt es keinen Platz für mehr für ihn.

Capture2Finanzielle Unterstützung wurde ihm in der Höhe von 100€ pro Monat zugesichert. Allerdings solle vorher zunächst seine Bedürftigkeit überprüft werden Morana spricht kaum Albanisch, was ihn in dieser neuen Umgebung extrem unsicher sein lässt, insbesondere, da Roma hier oft zur Zielscheibe von Beschimpfungen und Attacken werden. Er wüsste nicht, wie er mit so einer Situation umgehen sollte und reagieren kann, weswegen er nicht aus dem Haus gehen will. Er wüsste auch nicht warum, weil er nicht weiß wo er Arbeit suchen könnte und mit wem er reden könnte. Weil er immer nur zuhause ist und mit der Situation nicht umgehen kann gibt es oft Streit mit seiner Familie. Nachts bekommt er manchmal Panikattacken, so dass er schreiend aufwacht und alle in dem kleinen Zimmer aufwachen. Er macht sich selber schon Sorgen, weil er merkt, dass sein psychischer Zustand bedenklich geworden ist. Er ist depressiv und hat manchmal starke Aggressionen. Einmal war er deswegen sogar schon beim Arzt, konnte sich die Tabletten, die ihm dieser verkaufen wollte aber nicht leisten, so dass er unbehandelt wieder nach Hause ging. Er sagt: „Hier fühle ich mich wie ein Scheiß“ und „Ich mache jemand tot hier“ … manchmal wäre er lieber gestorben.

Hasan Krasniqi, Gjakova
(Interview vom 6. September 11)

Hasan Krasniqi ist Ashkali und hat sieben Jahre in Deutschland gelebt. Er wurde bereits 2006 abgeschoben und hat sich dem entsprechend schon einigermaßen mit seiner Situation arrangiert. Er bekommt hier keinerlei Sozialhilfe und schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch. Früher bekam er monatlich 50€. Dieses Geld wurde ihm aber gestrichen, als er bei der „Schwarzarbeit“ erwischt wurde. Von diesem Geld alleine leben war aber schier unmöglich, denn er hat eine Frau und zwei kleine Kinder. Seine Tochter bekommt oft Fieber, aber er kann sich weder Arztbesuch noch Medizin leisten. Er uns deine Familie leben am Rande einer Müllkippe. Die Kinder spielen dauernd im Müll. Nicht weit weg gibt es aber auch schicke Reihenhaussidlungen, aber dort leben nur Albaner. Einmal wurde er „von den Albanern“ mit einem Auto überfahren. Er hatte schlimme Verletzungen aber hat es überlebt. Rassismus ist hier allgegenwärtig „Die Farbe ist das Problem!“

Hazbie Rama und Agron Kryezi, Gjakova
(Interview vom 6. September 11)

Das Paar ist am 11. August 2010 nach 19 Jahren Duldung „freiwillig“ ausgereist, weil der Vater (Agron) bei seinem Bruder und dessen Familie erlebt hatte, was eine abrubte, erbarmungslose Abschiebung für einen Menschen bedeutet und wie es ihm danach an allem mangelte. Dies alles wollte er seiner Familie ersparen. In Deutschland lebten sie mit ihren acht Kindern in Kappelrodeck im Schwarzwald (in der Nähe von Karlsruhe) und in den letzten zwei Jahren machte die Ausländerbehörde immer stärkeren Druck. Sobald Argon eine Arbeitserlaubnis bekommen hatte war er praktisch konstant beschäftigt. Wenn er eine Arbeit verloren hatte hat er sich sofort wieder um eine neue Stelle gekümmert und war nur kurzfristig zwischendurch auf Arbeitslosengeld angewiesen. Allerdings war es in der letzten Zeit schwieriger geworden einen Job zu finden, weil generell die Lage auf dem Arbeitsmarkt angespannt war und weil er immer nur Kettenduldungen für drei Monate bekam. Er arbeitete auf dem Bau, Gemüsehandel und bei McDonalds aber als er zuletzt arbeitslos wurde begann die Ausländerbehörde ihn massiv mit Abschiebung zu drohen. Die Familie war in Deutschland sehr glücklich und fühlte sich sicher. Alle Kinder waren hier geboren und gingen in Kindergarten und Schule. Niemals ist ein Familienmitglied durch Straftaten auffällig geworden und sogar der Bürgermeister hatte versucht sich für die Familie einzusetzen.

Das Haus in dem die Familie jetzt lebt hat der Vater selber gebaut. Erst vor kurzem sind sie eingezogen. Davor lebten sie in einer Wohnung die für eine Weile von URA II bezahlt wurde. Darüber hinausgehende Unterstützung gab es für sie nicht. Hilfe bekam er vor allem von seinen Verwandten. Auch die Jobsuche läuft hier nur über gute Kontakte, aber für Agron ist es schwer Arbeit zu finden und wenn er einmal welche bekommt, wird er schlechter bezahlt als seine Kollegen, weil er ja Roma ist. Das Haus ist kaum bewohnbar. Es gibt keine Heizung und die Toilette ist ein kleines Loch vor dem Haus. Die Wände sind die blanken Backsteine und nur ein dünner Vorhang bedeckt das Fenster, Decken sind ausgebreitet, um wenigstens ein bisschen Wärme zu vermitteln. Im Fernseher, vor dem die Kinder aufgereiht sitzen, läuft ein deutsches Programm. Die Kinder sind meistens unter sich und haben hier kaum Freunde.

Agron wollte nicht nach Kosovo zurück, weil er sich noch an die Bedrohungen und die Vertreibung erinnert, die zu seiner Flucht führten und jetzt hat er vor allem Angst um Kinder. Wenn sie rausgehen, fühle sie sich manchmal bedroht, aber vor allem beschämt, weil sie als „Zigeuner“ beschimpft werden.

Drei der Kinder besuchen die Schule (4,5,6. Klasse). Nur eine der Töchter hat eine albanische Freundin, zu der sie aber nicht mit nach Hause gehen durfte. Sie schämt sich auch viel, weil sie kaum Albanisch spricht und deswegen schlecht in der Schule ist und oft beleidigt und gehänselt wird. „sie sagen, ich gehöre in die erste Klasse“ Tatsächlich können die Kinder kaum bis 10 zählen auf Albanisch und die Lehrer schlagen hier wie selbstverständlich zu, wenn ein Kind nicht gut mitarbeitet. Hier im Kosovo findet sie die Schule schrecklich. In Deutschland war sie eine gute Schülerin und sie steht noch immer mit ihrer alten Lehrerin in Kontakt. Sie vermisst ihre Freundinnen und die Freiheit Spazieren zu gehen. Hier im Kosovo hat sie Armut und Hunger kennengelernt. Ihr Bruder fragt oft, wann denn endlich der Bus nach Hause kommen würde …

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